Am 26. Januar führte die Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen" eine Offizier-/ Unteroffizierweiterbildung zum Thema „Posttraumatische Belastungsstörungen" aus dem Angebot der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS) durch. Die Tagung diente als Auftakt zur Einsatzvorbereitung, der weitere Lehrgänge auf Standortebene folgen. Ziel ist es, den Soldaten eine bestmögliche Ausbildung und damit bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Dazu gehört die Aufklärung über die psychischen Belastungen der Auslandseinsätze. Etwa 200 Vertreter aus allen sieben Bataillonen der Brigade kamen zur „Initialveranstaltung" in der Frankenberger Stadthalle zusammen. Als Multiplikatoren sollen die anwesenden Führungskräfte ihre neuen Kenntnisse anschließend weitergeben bzw. in der Lage sein, Präventiv- oder Hilfsmaßnahmen zu treffen. Darüber hinaus trägt Aufklärung dazu bei, dass die Akzeptanz der Erkrankung an PTBS zunimmt und eine Entstigmatisierung erreicht wird.
Was ist eine PTBS?
Eine Übersicht über Krankheitsbild und Behandlungsmöglichkeiten von PTBS gab als erster Gastredner der Veranstaltung Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann, Leiter des Trauma-Zentrums und Leitender Arzt der Abteilung für Psychiatrie / Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin.
Die Anforderungen, denen Soldaten im Einsatz ausgesetzt sind, können einfache bis massive Belastungsreaktionen hervorrufen. Die PTBS ist dabei die schwerste Form aller menschlichen Stressreaktionen. Das heißt, nicht jeder, der „belastet" ist, ist an einer PTBS erkrankt. Oft ist es schwierig, eine PTBS klar von anderen psychischen Störungen abzugrenzen. Die Medizin versteht unter dem Begriff PTBS die Reaktion auf ein einmaliges oder wiederkehrendes außergewöhnlich belastendes Erlebnis. Besonders gefährdet sind daher Soldaten, die potenziell traumatisierende Ereignisse erleben. Wenn das Ereignis nicht verarbeitet und bewältigt wird, kann das zu einer PTBS führen. Die Zahl behandlungsbedürftiger Soldaten nach Auslandseinsätzen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Dr. Zimmermann führt dies auf vermehrte psychische Belastungssituationen durch Zunahme von Kampfhandlungen und Dauer der Einsätze zurück.
Wie erkennt man eine PTBS?
Zu den typischen Merkmalen einer PTBS zählen:
Diese Symptome können unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis, zum Teil aber auch mit monate- oder jahrelanger Verzögerung auftreten. Auch verschiedene „Warnsymptome" wie Persönlichkeitsveränderungen, familiäre Probleme oder Leistungsabfall begleiten häufig die Entstehung einer PTBS. Eine Behandlung kann verhindern, dass die Störung zu einer dauerhaften Verminderung von Lebensqualität und -freude führt. Denn die Betroffenen leiden oft auch unter psychosomatischen Störungen sowie Angstzuständen, Freudlosigkeit und Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken - das kostet Kraft, womöglich über Jahre.
Wie kann man sich schützen?
Bei der Prävention bzw. Behandlung psychischer Belastungen unterscheidet man drei Phasen der Einsatzbetreuung:
Einsatzvorbereitung
Nach der Rückkehr aus einem Auslandseinsatz wird von jedem Soldaten ein Fragebogen ausgefüllt, der eine Einschätzung der Symptombelastung ermöglicht. Neben einer Nachbetreuung mittels Seminaren oder Präventivkuren kann dann ggf. auch eine Psycho- oder Traumatherapie eingeleitet werden. Entscheidend ist dabei oft nicht nur was man erlebt hat, sondern vor allem wie damit umgegangen wird. Truppenpsychologin Clivia Langer wies im zweiten Vortrag darauf hin, wie wichtig in diesem Zusammenhang Führung und Wahrnehmung der Fürsorgeverantwortung ist.
Beim „Mentoring" nach dem Einsatz gilt es, einerseits „die Kirche im Dorf zu lassen" und andererseits Symptome (rechtzeitig) zu bemerken bzw. ein Trauma zu erkennen. Wenn jemand Gesprächsangebote ablehnt, ist das nicht zwangsläufig ein emotionaler/sozialer Rückzug, sondern kann auch nur bedeuten, dass er „seine Ruhe" braucht. Diesen Spannungsbogen müssen Führungskräfte austarieren und beurteilen, wann tatsächlich gehandelt werden muss, weil z. B. die Dienstfähigkeit beeinträchtigt wird. Auch Probleme im privaten Bereich können symptomatisch sein und erfordern die kameradschaftliche Unterstützung des Vorgesetzten oder den Hinweis auf Organisationen, die weiterhelfen. Denn besonders gefährdet sind Soldaten, die nach ihrer Rückkehr noch mit zusätzlichen Problemen wie einer Scheidung oder finanziellen Sorgen zu kämpfen haben und so gleich an zwei Fronten psychischen Belastungen ausgesetzt sind. Auch die Problematik des Erlebens der Situation von Kindern wird oft vernachlässigt, erklärte Diplompsychologin Langer. Daher ist ein vernetzter Ansatz bei der PTBS-Prävention und -behandlung so wichtig.
Wo findet man Hilfe?
Hilfe bietet den Soldaten, aber auch ihren Familien und Angehörigen, das Psychosoziale Netzwerk (PSN), das mit Truppenärzten, Truppenpsychologen, Sozialarbeitern und Militärseelsorgern verschiedene Fachkompetenzen vereint. Vertreten ist das Netzwerk sowohl an ca. 80 Standorten in Deutschland als auch im Einsatz. Dazu kommen die bundesweit rund 30 Familienbetreuungszentren, eine 24 Stunden täglich besetzte Telefonhotline sowie Informationen und Hilfen via Internet. Informationen zum Krankheitsbild sowie gezielte Hilfsangebote bietet z. B. die Seite www.angriff-auf-die-seele.de, die auf der Veranstaltung von Volker Specht präsentiert wurde.
Der Regionalreferent Ost der EAS ist Mitarbeiter dieser Initiative und stellte das Konzept der Website vor. Neben der Möglichkeit, den Rückkehrer-Fragebogen für die Diagnostik von PTBS online zu beantworten, kann man über dieses Forum auch konkrete Anfragen an Dr. Zimmermann und sein Team stellen - alles anonym. Wichtig ist auch, so Specht, dafür zu sorgen, dass man die Thematik nicht aus den Augen verliert, wenn das zur Zeit große öffentliche und mediale Interesse wieder abschwillt.
Um auch den Soldaten in anderen Regionen Informationsmöglichkeiten zu bieten, laden das Evangelische Militärpfarramt Delmenhorst und die EAS am 10. Februar in das Soldatenheim „Haus Adelheide" direkt vor den Toren der Kaserne am Standort Delmenhorst ein. Unter dem Titel „PTBS und die Folgen" findet dort ein Lebenskundlicher Unterricht mit Vorträgen von Oberstarzt Dr. Biesold und Hauptfeldwebel Schmuda statt. Erwartet werden dazu über 200 teilnehmende Soldaten.
Bilder und Text: Christine Posern
Seit 1957 ist die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung in der Bundesrepublik Deutschland e.V. überall dort aktiv um Betreuungsangebote bemüht, wo der Bund dies nicht leisten kann.